{"id":3547,"date":"2014-11-05T00:24:29","date_gmt":"2014-11-04T23:24:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/?p=3547"},"modified":"2014-11-05T00:24:29","modified_gmt":"2014-11-04T23:24:29","slug":"antwortpapier-der-gruppe-viel-zu-viel-arbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/?p=3547","title":{"rendered":"Antwortpapier der Gruppe Viel zu viel Arbeit"},"content":{"rendered":"<p>Anmerkungen zum Positionspapier der Antifaschistischen Linken Freiburg zum 1. Mai, zu finden z.B. auf <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/node\/80383\" rel=\"nofollow\">linksunten<\/a>.<\/p>\n<p>Der 1. Mai naht und mit ihm die Frage, was tun am Kampftag der ArbeiterInnen, wenn mensch in Freiburg lebt? Eine 1.-Mai-Demo auf die Beine stellen? Den Reden der DGB-Funktion\u00e4re lauschen? In eine andere Stadt fahren, in der mehr los ist \u2013 oder doch gleich feststellen, dass wir eben in bewegungsarmen Zeiten leben, sich keine richtige Alternative bietet und das Stra\u00dfenfest im Gr\u00fcn eigentlich genau das Richtige ist, solange die Sonne scheint?<\/p>\n<p>Nach dem Scheitern eines linksradikalen B\u00fcndnisses f\u00fcr eine revolution\u00e4re 1.-Mai-Demo will die Antifaschistische Linke Freiburg (ALFR) nun eine Antwort vorlegen, die keine Fragen offenl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Zweifelsohne steht einiges Richtige im Text, und wir beziehen uns gerne auf Menschen, die die Frage nach den Klassenverh\u00e4ltnissen und deren Aufl\u00f6sung weit oben auf die Tagesordnung stellen. Der positive Bezug endet jedoch schnell angesichts der orthodox marxistisch-leninistischen Sprache und Analyse, und wir wundern uns: Wie kommt es, dass der Marxismus-Leninismus seit einigen Jahren ein Revival unter jungen AntifaschistInnen erlebt, nicht nur in Freiburg, sondern bundesweit?<\/p>\n<p>Die allgemeine Verunsicherung angesichts globaler Krisenerscheinungen und die Aufl\u00f6sungserscheinungen der radikalen Linken in den letzten Jahren tragen sicher dazu bei; ebenso die enorme Verschiebung im theoretischen Verst\u00e4ndnis vieler radikaler Linker in Zeiten der \u201ePostmoderne\u201c und \u201eDekonstruktion\u201c. Wenn nach \u201eantideutschem\u201c Verst\u00e4ndnis Kapitalismus, Nationalismus und Krieg nicht mehr grunds\u00e4tzlich abgelehnt werden d\u00fcrfen, es im antirassistischen Kontext als besonders aufgekl\u00e4rt gilt, sich aus politischen Gr\u00fcnden als Schwarz zu bezeichnen, obwohl mensch Wei\u00dfer kaum sein k\u00f6nnte, oder mensch mitbekommt, wie der moralische Imperativ des Antispeziezismus oder die queere Dekonstruktion in handfesten psychischen Krisen enden, mag der R\u00fcckgriff auf die \u201eobjektiven Wahrheiten\u201c im Marxismus-Leninismus verlocken. Gerade wer instinktiv sp\u00fcrt, dass die Parole \u201egegen den Kapitalismus\u201c ohne Verst\u00e4ndnis von Klassenverh\u00e4ltnissen so sinnvoll ist, wie \u201egegen schlechtes Wetter\u201c zu sein, ist vermutlich froh \u00fcber die vollmundige Rhetorik von ML-Gruppen wie der ALFR.<\/p>\n<p><em>Ein Schritt nach vorne, drei Schritte zur\u00fcck&#8230;<\/em><\/p>\n<p>\u201eKlassenkampf statt Szenespektakel\u201c fordert die ALFR eingangs und kritisiert \u201edie Szene\u201c, deren Angeh\u00f6rige sich damit begn\u00fcgen, korrekte Sprache, Kleidung und Lebensstil zu pflegen, statt eine \u201eAnalyse der kapitalistischen Gesellschaft\u201c zu erarbeiten.<\/p>\n<p>So weit, so wahr, dieser Kritik schlie\u00dfen wir uns in weiten Teilen an. Gespannt warten wir auf die Analyse der ALFR \u2013 schlie\u00dflich fordert sie richtig, diese \u201esoll \u00fcber die blo\u00dfe Floskel- und Phrasenhaftigkeit solcher Begriffe hinausgehen\u201c\u2013 und stellen fest, die ALFR bietet nur: Floskeln und Phrasen.<\/p>\n<p>Angefangen bei der Arbeiterklasse (die by the way auch aus den Arbeiterinnen besteht), es fehlt jede konkrete Bestimmung, von wem mensch spricht. Alle Lohnabh\u00e4ngigen (worunter auch ne Menge ManagerInnen fallen)? Das Proletariat (diejenigen Lohnabh\u00e4ngigen, die nichts besitzen au\u00dfer ihrer Arbeitskraft)? Diejenigen Teile des Proletariats, die sich ihrer Lage bewusst sind und k\u00e4mpfen?<\/p>\n<p>Letztlich stellt sich bei der Analyse der Klassenverh\u00e4ltnisse schnell heraus, dass es \u201edie\u201c Klasse eben nicht gibt, sondern nur Klassenverh\u00e4ltnisse, die jeweils historisch-konkret analysiert werden m\u00fcssen. \u201eDie Klasse\u201c mit einer besonderen historischen Mission gibt es nicht!<\/p>\n<p>In Anlehnung an den ollen Kalle Marx haben nicht wenige versucht, von Klasse an sich und f\u00fcr sich zu sprechen, also einer Beschreibung der kapitalistischen Klassengesellschaft einerseits (an sich) und der Frage danach, welche K\u00e4mpfe, welche Subjekte die \u201ereale Bewegung zum Kommunismus\u201c ausmachen werden (f\u00fcr sich) andererseits. Meistens l\u00e4sst sich das eine mit dem anderen aber nicht so recht verbinden&#8230; Und auf beiden Seiten ist es seitdem nicht einfacher geworden; wir haben ein Mosaik verschiedenster Ausbeutungsformen \u2013 und fast ebenso viele Widerstandsformen. Eine zentrale Frage, die daraus folgt, ist die, wie die K\u00e4mpfe zusammenkommen, was eine Klammer sein k\u00f6nnte, um die Macht zu entwickeln, zusammen \u201ewas zu rei\u00dfen\u201c!<\/p>\n<p>Erst dann wird aus groben Verallgemeinerungen ein tats\u00e4chliches Verst\u00e4ndnis der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse und ihrer Bruchstellen.<\/p>\n<p>Wer eine solche Analyse hat, kann es sich auch sparen, Begrifflichkeiten wie \u201eb\u00fcrgerlich\u201c zum Dreh- und Angelpunkt revolution\u00e4rer Klarheit aufzublasen. B\u00fcrgerlich hat tats\u00e4chlich mehrere Bedeutungen, eine davon ist eine marxistische Standortbestimmung, b\u00fcrgerlich in Abgrenzung zu proletarisch. Dar\u00fcber hinaus bezeichnet der Begriff in unserem Gesellschaftssystem auch den Ort der Hegemonie, die b\u00fcrgerliche Gesellschaft bestimmt, wie es \u201ezu laufen hat\u201c. In der Szene mag b\u00fcrgerlich gebr\u00e4uchlich sein als Synonym f\u00fcr spie\u00dfig, und gegen diesen Begriff schreibt die ALFR vermutlich an. Vor lauter Eifer verstellt sie sich aber damit den Blick auf die Vielschichtigkeit des Begriffs \u2013 und darauf, dass tats\u00e4chlich viele ArbeiterInnen ausgesprochen b\u00fcrgerlich leben. Denn b\u00fcrgerliche Lebensentw\u00fcrfe, zuvorderst die b\u00fcrgerliche Kleinfamilie, haben mit dem Klassenstandort nichts zu tun, sind Mainstream und entsprechend weit verbreitet.<\/p>\n<p><em>Avantgardekonzepte oder politische Kollektive?!<\/em><\/p>\n<p>Die fehlende Analyse f\u00e4llt der ALFR im weiteren Verlauf prompt auf die F\u00fc\u00dfe, wenn sie ihren Vorschlag f\u00fcr die diesj\u00e4hrige revolution\u00e4re 1.-Mai-Aktivit\u00e4t auspackt: auf zur Veranstaltung des DGB!<\/p>\n<p>Uns scheint, die ALFR versteht die konkrete Rolle des DGB in den Klassenauseinandersetzungen der BRD nicht. Diese kann auch nicht durchschauen, wer die Politik der Gewerkschaften nur als \u201eKurs der Gewerkschaftsf\u00fchrung\u201c \u2013 die F\u00fchrung verblendet die Massen?! \u2013 kritisiert: K\u00fcrzungen, Privatisierungen, die \u201eautorit\u00e4ren Krisenl\u00f6sungen des deutschen Kapitals\u201c hinnehmen \u2013 so gehe es ja nicht.<\/p>\n<p>Die ALFR \u00fcbersieht dabei, dass sowohl DGB als auch Einzelgewerkschaften vor allem eine Aufgabe haben: die Vermeidung von st\u00f6renden Klassenkonflikten. Es geht darum, den Produktions- und Tariffrieden aufrechtzuerhalten, daf\u00fcr zu sorgen, dass das Kapital sich m\u00f6glichst ungest\u00f6rt verwerten kann \u2013 im Gegenzug gibt es f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten alle 2-4 Jahre eine leichte Anpassung der L\u00f6hne an die Inflation.<\/p>\n<p>Massenhafte Lohnsenkungen, l\u00e4ngere Arbeitszeiten, weniger K\u00fcndigungsschutz, Agenda 2010 und Hartz IV \u2013 werden vom DGB mitgetragen. Was kann also folgen, wenn nicht eine Fundamentalkritik am DGB?<\/p>\n<p>Ein weiteres Argument, mit dem die ALFR dem DGB zur Seite springt, lautet: Wer die FAU als tariff\u00e4hig anerkennen w\u00fcrde, schaffe ein Einfallstor f\u00fcr gelbe Gewerkschaften, also Unternehmensgewerkschaften. Tats\u00e4chlich f\u00fchrt der DGB keine politischen Auseinandersetzungen gegen gelbe Gewerkschaften, sondern versucht nur, einen l\u00e4stigen Konkurrenten loszuwerden.<\/p>\n<p>Doch unabh\u00e4ngig davon, wer braucht schon gelbe Gewerkschaften, wenn in gro\u00dfen Betrieben kaum noch Fl\u00e4chentarifvertr\u00e4ge, sondern schlechtere Haustarifvertr\u00e4ge gelten? Und wenn die offiziellen Gewerkschaften ohne mit der Wimper zu zucken Tarifl\u00f6hne unter 5 \u20ac\/ Stunde aushandeln\u2026?<\/p>\n<p>Reaktion\u00e4r ist, wer die Hoheit der Organisation, in diesem Fall des DGB, als Wert an sich verteidigt, ungeachtet der Rolle und Politik dieser Organisation!<\/p>\n<p>Bleiben noch drei Argumente der ALFR f\u00fcr den DGB:<\/p>\n<p>eine g\u00fcnstige Arbeits-Rechtsschutzversicherung, St\u00fctze bei der Gr\u00fcndung eines Betriebsrates, und \u201eRevolution\u00e4re [nur die M\u00e4nner?] sind in den Einzelgewerkschaften des DGB organisiert\u201c.<\/p>\n<p>Aus Versicherungsgr\u00fcnden im Streitfall sind sicherlich viele Mitglied in einer Gewerkschaft, erst recht, da ja keine Beratung ohne Vorzeigen des Mitgliedsausweises stattfindet. Bei einer Betriebsratsgr\u00fcndung haben Besch\u00e4ftigte im \u00dcbrigen nicht nur das Recht, sich von der zust\u00e4ndigen Gewerkschaft unterst\u00fctzen zu lassen, es bleibt ihnen gar nichts anderes \u00fcbrig. Und ist der Betriebsrat einmal gegr\u00fcndet, achten nicht zuletzt die Gewerkschaften peinlich darauf, dass er nicht zu politisch wird. Sich zu organisieren ohne Gewerkschaft wird nicht nur ungern gesehen \u2013 es wird unterbunden, denn das gef\u00e4hrdet den Betriebsfrieden.<\/p>\n<p>So hat es in Deutschland in den letzten Jahren immer wieder Streiks gegeben, die auf einer Mischung von Eigenaktivit\u00e4t und gewerkschaftlichen Strukturen basiert haben, und eben diese Strukturen wurden im Verlauf der Mobilisierungen immer wieder zur \u201eBremse\u201c. An dieser Stelle entscheidet sich, ob ein Kampf sich ausweitet, \u201epolitisch\u201c wird, die Gewerkschaftslogik aufbricht \u2013 aber das kann gar nicht ins Blickfeld kommen, wenn es nur um die Gr\u00f6\u00dfe der Organisation geht. Die ArbeiterInnen von Opel in Bochum k\u00f6nnen ein Lied davon singen, was von der \u201estarken Vertretungsmacht\u201c \u00fcbrig bleibt, wenn die Belegschaft entscheidet zu streiken, obwohl die Gewerkschaft dies nicht will, oder aktuell auch die ArbeiterInnen beim Verpackungshersteller Neupack bei Hamburg.<\/p>\n<p>Dass auch Revolution\u00e4r(innen) Gewerkschaftsmitglied sind \u2013 geschenkt\u2026<\/p>\n<p><em>Verpasste Chancen<\/em><\/p>\n<p>Was vom starken Anfang des Textes \u00fcbrig bleibt, ist ein Wischiwaschi von Reform und Szenebashing, der alte Fehler des ML, Masse mit Klasse zu verwechseln, und identit\u00e4tsstiftende Phrasen.<\/p>\n<p>Eine Analyse der Klassenverh\u00e4ltnisse vor Ort und einen Standort f\u00fcr revolution\u00e4re Aktionen am 1. Mai liefert der Text leider nicht. Der Zuschnitt der Analyse der ALFR ist unkritisch. Schlie\u00dflich geht es um nichts weniger als eine umfassende Ver\u00e4nderung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u2013 und von uns selbst \u2013 in einem umw\u00e4lzenden Prozess. Das ist viel mehr als das antiquierte Gerede von der \u201eMacht\u00fcbernahme der Arbeiterklasse\u201c, womit ja meist die Macht\u00fcbernahme durch die eigene \u201erevolution\u00e4re Organisation\u201c gemeint ist. Damit offenbart der Text ein instrumentelles Verh\u00e4ltnis zu \u201eden Massen\u201c, die auf dem 1.-Mai-Fest des DGB abgefischt werden sollen.<\/p>\n<p>Schade, denn ein wirkliches Verst\u00e4ndnis davon, in welcher Situation wir uns befinden, k\u00f6nnte den Weg aufmachen f\u00fcr Aktionen jenseits der Frage \u201eDemo oder DGB\u201c. Auch in Freiburg gibt es \u201eaktionsrelevante Themen\u201c f\u00fcr einen 1. Mai: die Abschiebepolitik der Stadt\/Landesregierung, die K\u00fcrzungspl\u00e4ne beim gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber Uniklinik, die st\u00e4ndigen Mieterh\u00f6hungen&#8230; Bereiche, die sich weiterentwickeln lie\u00dfen,\u2013 vielleicht mit mehr Perspektiven als in einer Diskussion \u00fcber das \u201eBierfest\u201c des DGB.<\/p>\n<p><strong>Soziale Revolution oder Barbarei! <\/strong><\/p>\n<p>Viel zu viel Arbeit, April 2013<\/p>\n<p>Kritik und Anregungen an<\/p>\n<p>vielzuviel_arbeit@riseup.net<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkungen zum Positionspapier der Antifaschistischen Linken Freiburg zum 1. Mai, zu finden z.B. auf linksunten. Der 1. Mai naht und mit ihm die Frage, was tun am Kampftag der ArbeiterInnen, wenn mensch in Freiburg lebt? Eine 1.-Mai-Demo auf die Beine stellen? Den Reden der DGB-Funktion\u00e4re lauschen? 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