{"id":620,"date":"2011-03-09T12:53:30","date_gmt":"2011-03-09T10:53:30","guid":{"rendered":"http:\/\/alfr.blogsport.de\/?p=620"},"modified":"2011-03-09T12:53:30","modified_gmt":"2011-03-09T10:53:30","slug":"dresden-2011-mehr-als-nur-ein-auswaertssieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/?p=620","title":{"rendered":"Dresden 2011: Mehr als nur ein Ausw\u00e4rtssieg"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild4.jpg\"align=\"left\" width=\"180\" alt=\"Dresden 2011 - No pasar\u00e1n!\" \/><\/a>Am 19. Februar 2011 verhinderten zum zweiten mal in Folge tausende Antifaschistinnen und Antifaschisten einen geplanten Naziaufmarsch in Dresden, bei dem es sich bisher um den gr\u00f6\u00dften Europas gehandelt hatte. W\u00e4hrend im vergangenen Jahr die Polizei im Vorfeld der Proteste versucht hatte, den Aufruf zu Blockaden zu kriminalisieren und unter anderem Plakate beschlagnahmte und linke R\u00e4umlichkeiten durchsuchte, schien sie nicht zuletzt deshalb und wegen der einsetzenden Solidarit\u00e4t am 13. Februar 2010 selbst in der Defensive sein. So gelang es 2010 relativ &#8222;einfach&#8220; die Blockadepunkte zu erreichen und die Blockaden am Tage aufrecht zu halten.<\/p>\n<p>H\u00f6chstrichterlich wurde in der Folge festgestellt, dass die Polizei den Nazis den Weg h\u00e4tte frei r\u00e4umen m\u00fcssen, um den geistigen Nachfahren der M\u00f6rder von Auschwitz einen ungest\u00f6rten Aufmarsch zu erm\u00f6glichen. Dementsprechend stellte sich dann auch am 19. M\u00e4rz 2011 das Szenario dar:<!--more--><\/p>\n<p>Busse wurden bereits auf der Autobahn gestoppt, gewerkschaftliche Kundgebungen in dem f\u00fcr die Nazis reservierten Stadtviertel bereits im Vorfeld verboten, die Polizei ging mit massiver Gewalt gegen Demonstranten vor. Geholfen hat es ihnen alles nichts: so machten sich tausende Menschen zu Fu\u00df von der Autobahn auf den Weg in die Innenstadt, Polizeisperren wurden durchbrochen, Blockaden den Tag \u00fcber gehalten, Barrikaden errichtet, den Angriffen der Polizei teilweise konsequent geantwortet und auf diesem Wege der Hauptbahnhof \u00fcber Stunden umzingelt, so dass die Nazis unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren mussten. &#8222;Regionalzug statt Umzug&#8220;, so spotteten am Abend selbst b\u00fcrgerliche Medien und stellten in der Regel die Verhinderung des Naziaufmarsch und nicht (nur) die &#8222;Krawalle&#8220; in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung.<\/p>\n<p><strong>Mit dem Bus aus Freiburg und S\u00fcdbaden<\/strong><\/p>\n<p>Die diesj\u00e4hrige Mobilisierung in unserer Region war ein voller Erfolg. Aus Freiburg und S\u00fcdbaden \u00fcnterst\u00fctzten \u00fcber 120 Antifaschistinnen und Antifaschisten die Blockaden. Wir reisten gemeinsam mit unz\u00e4hligen Bussen aus Baden-W\u00fcrttemberg koordiniert nach Dresden an &#8211; eine organisatorische Meisterleistung. <\/p>\n<p>Das Freiburger B\u00fcndnis &#8222;No pasar\u00e1n!&#8220;, an dem neben uns mehrere lokale Gruppen mitwirkten, organisierte im Vorfeld einige Infoveranstaltungen, finanzierte die Busse und plakatierte Freiburg und das Umland. Die intensive Vorarbeit, die Auseinandersetzung mit Opfermythos, Extremismusquatsch und Naziideologie sorgte f\u00fcr den Mobilisierungserfolg. Daran werden wir auch in Zukunft ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p><strong>Wer h\u00e4tte das gedacht<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild3.jpg\"align=\"right\" width=\"180\" alt=\"Dresden 2011 - No pasar\u00e1n!\" \/><\/a>Seien wir mal ehrlich, wer h\u00e4tte die Erfolge von Dresden in den letzten beiden Jahren noch vor ein paar Jahren f\u00fcr m\u00f6glich gehalten? Europas gr\u00f6\u00dfter Naziaufmarsch schien gefestigt, begleitet von einem offiziellen Gedenken der Stadt, die sich in ihrer Darstellung der Ereignisse rund um den 13. Februar 1945 von den Nazis nur noch punktuell unterschied, antifaschistische Proteste waren wenn \u00fcberhaupt nur eine Randnotiz der Geschehnisse, den Dresdner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger selbst schien der Aufmarsch gr\u00f6\u00dftenteils am Arsch vorbei zu gehen.<\/p>\n<p>Dass die antifaschistischen Proteste dann auch noch gr\u00f6\u00dftenteils von sog. &#8222;antideutschen&#8220; Gruppen dominiert waren, machte die Sache nicht besser. Deren nat\u00fcrlich berechtigte Kritik am Gedenken der Stadt wurde ihrerseits instrumentalisiert um ihre absurden Thesen zu untermauern und mit so menschenverachtenden Parolen wie &#8222;Bomber Harris do it again&#8220; oder &#8222;Bomber Harris und die Flut &#8211; das tut allen Deutschen gut&#8220; wurde B\u00fcndnisarbeit im Vorfeld und eine Solidarisierung der Bev\u00f6lkerung mit antifaschistischen Protesten nahezu unm\u00f6glich gemacht. Bleibt nur noch anzumerken, dass es nat\u00fcrlich auch nicht im Interesse der &#8222;Antideutschen&#8220; war, B\u00fcndnisse mit irgendwelche Teilen der von ihnen als &#8222;deutsche Volksgemeinschaft&#8220; verleumdeten Bev\u00f6lkerung einzugehen.<\/p>\n<p>Es ist und bleibt ein sensationeller Erfolg der B\u00fcndnisse &#8222;No Pasar\u00e1n&#8220; und &#8222;Dresden Nazifrei&#8220;, dass es gelungen ist, mit sachlicher Kritik an der Gedenkpolitik der Stadt, einer deutlicher Zur\u00fcckweisung der Gleichsetzung von rechts und links und vor allem mit der klaren Ansage, mit klaren Absprachen und kalkulierbarem Risiko die Nazis auf jeden Fall am Marschieren hindern zu wollen, innerhalb von einigen wenigen Monaten erstmals im Jahre 2010 \u00fcber 10.000 Menschen verschiedenster politischer Spektren nach Dresden zu mobilisieren. Auch die Teilnahme von Dresdner B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger an den Protesten und Blockaden &#8211; und eben nicht nur an Gottesdiensten und Menschenketten &#8211; hat erfreulich zugenommen und konnte 2011 sowohl am 13. als auch am 19. Februar noch gesteigert werden.<\/p>\n<p><strong>Der Geist von Dresden<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild2.jpg\"align=\"left\" width=\"180\" alt=\"Dresden 2011 - No pasar\u00e1n!\" \/><\/a>Die Erfolge von Dresden wirken sich vielfach aus. Nicht nur, dass der Naziszene eines ihrer letzten noch vorhanden Gro\u00dfevents genommen wurde, das hoffentlich bald ganz der Geschichte angeh\u00f6rt, die Proteste zeigen auch, dass gemeinsames, entschlossenes Handeln zum Erfolg f\u00fchren kann, auch gegen tausende Polizisten mit Wasserwerfern, Schlagst\u00f6cken und Pfefferspray. Und vor allem, die Bereitschaft, die Nazis direkt am Laufen zu hindern, daf\u00fcr auch Gesetze zu \u00fcbertreten und (kalkulierbare) Risiken in Kauf zu nehmen, sich nicht von Pressehetze und dem dummen Gerede, den Feinden jeder Demokratie und Freiheit auch Meinungsfreiheit zu gew\u00e4hren, abhalten zu lassen, hat z.B. innerhalb der Gewerkschaften, unter Anh\u00e4ngern von SPD, Linke, Gr\u00fcne etc. sowie dem Teil der Bev\u00f6lkerung, der potenziell von uns ansprechbar ist, extrem zugenommen.<\/p>\n<p>So herrschte vor einigen Jahren bei Naziaufm\u00e4rschen noch in der Regel das Szenario, dass &#8222;die B\u00fcrger&#8220; (so sie sich \u00fcberhaupt zum Naziaufmarsch in ihrer Stadt verhielten) weit weg vom Geschehen irgendwelche &#8222;Feste der Demokratie&#8220; veranstalteten, w\u00e4hrend &#8222;die Antifa&#8220; der polizeilichen \u00dcbermacht meist schutzlos ausgeliefert und in der Regel Naziaufm\u00e4rsche kaum noch behindern, geschweige den verhindern konnte. (Nat\u00fcrlich gab es hier Ausnahmen und auch vor &#8222;Dresden&#8220; erfolgreiche Verhinderungen von Naziaufm\u00e4rschen, aber einen allgemeinen Trend meinen wir doch erkennen zu k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Erw\u00e4hntes Szenario geh\u00f6rt zwar leider noch nicht v\u00f6llig der Vergangenheit an, ist aber vielerorts dem gemeinsamen Interesse verschiedener Spektren, den Naziaufmarsch konkret zu verhindern, gewichen. Ohne gro\u00dfe und nervt\u00f6tende Diskussion ist es heute in vielen antifaschistischen B\u00fcndnissen Konsens, einen Naziaufmarsch konkret mittels Massenblockaden zu unterbinden. Dass wenige Wochen nach dem Erfolg von Dresden 2010 in L\u00fcbeck (Schleswig-Holstein) ein Naziaufmarsch zu Jahrestag der Bombardierung L\u00fcbecks nach Jahren der mehr oder minder erfolgreichen Proteste erstmals mittels Blockaden komplett unterbunden werden konnte, spricht f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Aus Dresden l\u00e4sst sich ne Menge lernen, einige Punkte seien hier mal exemplarisch aufgef\u00fchrt:<\/p>\n<p><strong>1.<\/strong> Die Polizei ist nicht allm\u00e4chtig. Sind wir viele und oben drein noch gut organisiert, dann muss nicht an jeder Polizeisperre sofort Schluss sein, sondern es ist auch mal m\u00f6glich diese beiseite zu r\u00e4umen und unser Ziel zu erreichen.<br \/>\n<strong>2.<\/strong> Es ist m\u00f6glich, auch weit \u00fcber das linksradikale Antifaspektrum hinaus Menschen zu mobilisieren, ohne dabei inhaltlich und praktisch hinter die eigenen Vorstellungen zur\u00fcckzufallen.<br \/>\n<strong>3.<\/strong> Hat eine linke Bewegung wieder Erfolg und ist \u00f6ffentlich wahrnehmbar, dann verliert die fatale Gleichsetzung von rechts und links immer mehr an Bedeutung und dann hat auch die &#8222;antideutsche&#8220; Szene politisch nix mehr zu bestellen.<\/p>\n<p><strong>Schattenseiten<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/2011-dresden-bild1.jpg\"align=\"right\" width=\"180\" alt=\"Dresden 2011 - No pasar\u00e1n!\" \/><\/a>\u00dcber die Schattenseiten wollen wir an dieser Stelle freilich auch nicht schweigen:<\/p>\n<p>Zu diesen geh\u00f6rte die zehnmin\u00fctige Randale von etwa 250 Faschisten im Dresdner Stadtteil L\u00f6btau unter den Augen der Polizei. Die Faschisten, die sich begleitet von Polizei von Freital aus in Richtung der Dresdner Innenstadt bewegten, griffen mehrere Wohnh\u00e4user mit St\u00f6cken, Pfefferspray und Steinen an. \u00dcber 50 Scheiben gingen dabei zu Bruch. Verletzt wurde niemand. Eines der angegriffenen H\u00e4user war das Wohnprojekt \u201ePraxis\u201c, welches in der Vergangenheit schon mehrfach Ziel faschistischer Anschl\u00e4ge war. Die Angreifer hoben Steine und Gullideckel aus, zertr\u00fcmmerten Betonblumenk\u00fcbel, um Munition zu erhalten. Versuche, das Haus \u00fcber Fenster und den Hof zu erst\u00fcrmen, konnten gl\u00fccklicherweise abgewehrt werden.<\/p>\n<p>Zum Anderen sei an dieser Stelle auf die massive staatliche Repression gegen das B\u00fcndnis &#8222;Dresden Nazifrei&#8220; hingewiesen. Noch am Abend des 19. Februar 2011 \u00fcberfielen 120 Polizisten das &#8222;Haus der Begegnung&#8220; in Dresden, in dem Geb\u00e4ude ist die Pressestelle des B\u00fcndnisses &#8222;Dresden Nazifrei&#8220; untergebracht. Die Beamten wollten Aktivisten des B\u00fcndnisses festnehmen und Technik beschlagnahmen. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft: Verdacht der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Landfriedensbruch. Offensichtlich wollte sich die Polizei wegen der erfolgreichen Blockaden r\u00e4chen. Weiter soll eine Sonderkommission \u201e19. Februar\u201c, der 20 Beamte angeh\u00f6ren, noch im Nachhinein gegen antifaschistische Aktivisten vorgehen.<\/p>\n<p>Bereits zu Beginn der Busfahrt aus Freiburg\/S\u00fcdbaden war die Staatsmacht auch hier in Aktion getreten:<\/p>\n<p>Bei der Abfahrt des Busses aus S\u00fcdbaden wurde dieser von einem gr\u00f6\u00dferen Polizeiaufgebot offenbar geplant gestoppt und durchsucht. Erkl\u00e4rtes Ziel dieser Massnahmen war laut Aussagen beteiligter Polizisten die Feststellung der Personalien der Mitfahrenden &#8222;f\u00fcr den Verfassungsschutz&#8220;. Auch wenn hier letztlich sonst nicht viel passiert ist und auch die verlorene Zeit wieder aufgeholt werden konnte, stellt auch dies einen Angriff auf linke Strukturen in der Region und reiht sich m\u00f6glicherweise, mit den in j\u00fcngster Zeit erfolgten Anquatschversuchen des Geheimdienstes, ein in Versuche staatlicherseits, linke Strukturen in der Region zu &#8222;ergr\u00fcnden&#8220;.<\/p>\n<p>Zum Schluss sei noch erw\u00e4hnt, das wir selbstverst\u00e4ndlich mit der gleichen Ent- und Geschlossenheit, mit der wir am 19. Februar 2011 aktiv waren, auch der einsetzenden Repression entgegentreten werden und unsere Genossinnen und Genossen von &#8222;Dresden Nazifrei&#8220; auch hier nicht alleine lassen.<\/p>\n<p>Und falls die Nazis im Februar 2012 noch immer nicht die Schnauze voll haben, dann kommen wir nat\u00fcrlich wieder nach Dresden!<\/p>\n<p>In diesem Sinne:<\/p>\n<p><strong>No pasar\u00e1n &#8211; F\u00fcr eine starke antifaschistische Linke!<\/strong><\/p>\n<p><em>Antifaschistische Linke Freiburg, M\u00e4rz 2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 19. Februar 2011 verhinderten zum zweiten mal in Folge tausende Antifaschistinnen und Antifaschisten einen geplanten Naziaufmarsch in Dresden, bei dem es sich bisher um den gr\u00f6\u00dften Europas gehandelt hatte. 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