{"id":647,"date":"2009-03-19T19:33:07","date_gmt":"2009-03-19T17:33:07","guid":{"rendered":"http:\/\/alfr.blogsport.de\/?p=647"},"modified":"2009-03-19T19:33:07","modified_gmt":"2009-03-19T17:33:07","slug":"wir-brauchen-eine-verbindlichere-struktur-interview-mit-der-antifa-bonnrhein-sieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/?p=647","title":{"rendered":"Wir brauchen eine verbindlichere Struktur"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/afalogogross.png\" width=\"90\" align=\"left\" alt=\"Antifaschistische Aktion\" \/>Im Folgenden dokumentieren wir ein <a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/archiv\/PolitischeStroemungen\/antifa\/node7.html\">Interview<\/a> mit der <a href=\"http:\/\/antifabonn.blogsport.de\/\">Antifa Bonn\/Rhein-Sieg<\/a> aus den 1990-iger Jahren. Wir haben es entnommen aus folgendem Buch: <a href=\"http:\/\/www.nadir.org\/nadir\/archiv\/PolitischeStroemungen\/antifa\/antifa.html\">Antifa. Diskussionen und Tips aus der antifaschistischen Praxis<\/a>, hrsg. v. &#8222;Projektgruppe Antifa&#8220; in Kooperation mit der Stiftung Umverteilen, Berlin, Berlin &#8211; Amsterdam 1994.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.antifaschistische-linke.de\/Bilder\/trennstrich.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p><strong>Wir brauchen eine verbindlichere Struktur<\/strong><\/p>\n<p><strong>Interview mit der Antifa Bonn\/Rhein-Sieg<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Die Antifa Bonn\/Rhein-Sieg ist in den letzten Jahren zu einer festen Organisation gewachsen. Sie ist aus einem antifaschistischen Plenum und den seit 1989 in der Region entstandenen autonomen Antifa-Jugendfront-Gruppen hervorgegangen. Mit der Organisierung von Antifa-Gruppen antworteten linke Jugendliche auf die \u00fcberaus starke FAP-Pr\u00e4senz und die Unt\u00e4tigkeit autonomer Gruppen in den 80er Jahren im Bonner Raum.<\/p>\n<p><em>Wann kam es zur Herausbildung von Antifa-Strukturen in Bonn?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Die Antifa Bonn hat sich Mitte der 80er Jahre wegen der zunehmenden Nazi-Angriffe gebildet. Den letzten Ausschlag gab ein brutaler Nazi-\u00dcberfall auf Punks, 1984. In dem Jahr danach begann sich die Antifa zu gr\u00fcnden. Das war eigentlich eine Entwicklung neben der bestehenden linken Szene in Bonn. Unser Schwerpunkt war erstmal, den militanten Nazis entgegenzuarbeiten. Die FAP ist in Bonn sehr stark. Sie hat hier einen ihrer gr\u00f6\u00dften \u00bbGaue\u00ab und hat den Stra\u00dfenterror in Bonn gesteuert.<\/p>\n<p><em>Was meinst du mit \u00bbEntwicklung neben der Szene\u00ab?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Die Antifa hat sich damals parallel zu den autonomen Infoladenstrukturen entwickelt. Es gab nat\u00fcrlich vielf\u00e4ltige Beziehungen, auch gemeinsame Demos und Aktionen, aber es war schon eine eigenst\u00e4ndige Organisierung.<\/p>\n<p><em>Gibt es daf\u00fcr Gr\u00fcnde?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Die autonome linke Szene war von einem enorm hohen Anspruch gepr\u00e4gt, am liebsten alles auf einmal ver\u00e4ndern zu wollen. Dabei ist dann praktisch aber so gut wie gar nix herausgekommen. Antifa hatte im Gegensatz dazu ein klar abgegrenztes Themenfeld (das damals vielleicht noch nicht so wichtig war wie heute) und die eigenen Anspr\u00fcche etwas tiefer geh\u00e4ngt.<br \/>\nDie linksradikale Szene war zu diesem Zeitpunkt haupts\u00e4chlich mit internen Diskussionen besch\u00e4ftigt, diesen l\u00e4hmenden Richtungsauseinandersetzungen zwischen Antiimps und Autonomen, und das nicht nur hier in Bonn. Nat\u00fcrlich gab es noch inhaltliche Debatten, die wir auch aufgegriffen haben, z.B. \u00fcber Vergewaltiger, Sexismus und Patriarchat, aber die Form solcher Diskussionen war oftmals total destruktiv, so da\u00df im Endeffekt viele Gruppen daran zerbrochen sind. Es hat Jahre gebraucht, daraus resultierende Spaltungen wieder aufzuheben.<br \/>\nAu\u00dferdem gibt es ein Problem mit dem linken Szene-Anspruch, wie man sich ausdr\u00fcckt und gibt, den k\u00f6nnen eigentlich nur wenige erf\u00fcllen. Jugendliche, die von der Hauptschule kamen und sich nicht so geschliffen ausdr\u00fccken konnten und diesen ganzen sexistischen Schei\u00df z.B. viel direkter ausdr\u00fcckten, die waren von vornherein ausgegrenzt.<\/p>\n<p><em>Und das war bei der Antifa nicht der Fall?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Es wurde versucht, die unterschiedliche soziale Herkunft nicht zu so einem Spaltpilz werden zu lassen, sondern die Diskussionen so zu f\u00fchren, da\u00df auch neue Leute ohne gro\u00dfe Erfahrungen einen Zugang finden k\u00f6nnen. Denen wurde nicht gleich das ganze Glaubensbekenntnis abverlangt, \u00bbja, ich bin gegen Rassismus, Sexismus, Faschismus usw.\u00ab. Diese \u00dcberlegungen f\u00fchrten dann sp\u00e4ter auch zur Entstehung einer Antifa-Jugendfront in Bonn.<\/p>\n<p><em>Eurem Anspruch nach habt ihr also erstmal Antifa als direkte Anti-Nazi-Arbeit verstanden?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> F\u00fcr uns bedeutet Antifa, als Teil einer linksradikalen Bewegung einen Schwerpunkt zu setzen, an dem eine kontinuierliche Arbeit m\u00f6glich ist, und nicht einer Kampagne nach der anderen hinterherzulaufen. F\u00fcr uns in Bonn war dieser Schwerpunkt, gegen die gewaltt\u00e4tigen Neofaschisten vorzugehen. Es wurde Recherche-Arbeit gemacht, also die Nazi-Strukturen ausgeleuchtet, und sich den Nazis militant entgegengestellt. Neben diesen ganzen Demos gegen Rep-Veranstaltungen und kleineren Scharm\u00fctzeln war es besonders wichtig, gegen die bekannten Nazi-Kneipen in der Stadt was zu tun. Es gab Nazi-Kneipen, von denen aus regelm\u00e4\u00dfig normale Passanten, Linke und Ausl\u00e4nder angegriffen und zusammengeschlagen wurden. Es wurde dann im Gegenzug versucht, sich die Nazi-F\u00fchrer rauszugreifen. Da gibt es symbolisch sehr wichtige Geschichten, da\u00df sich drei Antifas z.B. einen Nazi-Chef herausnehmen und verpr\u00fcgeln, und sein ganzer Anhang von zehn Mitl\u00e4ufern schaut zu und traut sich nicht einzugreifen. Bei deren autorit\u00e4rer Sruktur war das sehr wirkungsvoll.<br \/>\n<strong><br \/>\nRainer:<\/strong> Etwas anderes sehr Wichtiges war, da\u00df die Nazis als Kristalisationspunkt bestimmte Uni-Feste w\u00e4hlten, um da auch von ausw\u00e4rts einzufallen. Die sind da offen aufgetreten und haben das Publikum richtig tyrannisiert. Wir haben uns dann, ich glaube, das war 1988, auch mit anderen Antifas zusammengetan, sind da hingegangen, haben Flugbl\u00e4tter verteilt und Nazi f\u00fcr Nazi rausgepr\u00fcgelt.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Die Nazis liefen da in Montur und Abzeichen rum, nicht nur Bonner, sondern auch von der FAP aus Dortmund. Die haben ganz direkt versucht zu rekrutieren, und bis 1990 haben die in Bonn auch jedes Jahr einen immer gr\u00f6\u00dfer werdenden Aufmarsch am 17. Juni veranstaltet.<\/p>\n<p><em>Hat die starke FAP-Pr\u00e4senz in Bonn etwas damit zu tun, da\u00df K\u00fchnen aus Beuel kam?<\/em><\/p>\n<p><strong>Rainer:<\/strong> Hier in Bonn war immer der Busse-Fl\u00fcgel6.1 ausschlaggebender. Das sind Figuren wie Ralf Tegethoff aus Bad Honnef-Aegidienberg, der hier einen starken \u00bbGau\u00ab leitet.<\/p>\n<p><em>Haben die Nazis eine nennenswerte Bastion an der Universit\u00e4t, oder wie kommt es, da\u00df sie ausgerechnet auf Uni-Festen agierten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Rainer:<\/strong> Also, die Feste hat der AStA organisiert und viele Nazischl\u00e4ger sind da so hingekommen wie vor zehn Jahren etwa die Rocker.<br \/>\nAber zur Uni w\u00e4re dennoch zu sagen, da\u00df es hier sehr viele Burschenschaften gibt, die viele Veranstaltungen machen und auch Verbindungen zu organisierten Neonazis unterhalten. Eine schillernde Figur in diesem Spektrum ist sicher der \u00bbExtremismus-Forscher\u00ab Professor Kn\u00fctter, der am Seminar f\u00fcr politische Wissenschaften lehrt. Er ist einer der intellektuellen Wegbereiter des \u00bbAnti-Antifaschismus\u00ab. Seine B\u00fccher haben Titel wie \u00bbDeutschfeindlichkeit\u00ab, und unter seinem Mentorat hat ein Uni-Arbeitskreis Veranstaltungen mit dem Geschichtsf\u00e4lscher David Irving und dem rechtsradikalen Barden Frank Rennicke in der Universit\u00e4t abgehalten.6.2<\/p>\n<p><em>Wie gehen denn die Bonner Stadtpolitiker mit ihren Nazis um?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Bonn wird von der CDU regiert. Der ging es haupts\u00e4chlich darum, militante Auseinandersetzungen erst gar nicht sichtbar werden zu lassen. Die Auseinandersetzungen mit Neonazis wurden bis Anfang der 90er auch von der Presse konsequent verschwiegen, au\u00dfer es ging gar nicht mehr. Man konnte nichts dar\u00fcber lesen, ob nun Nazis MigrantInnen angriffen oder sie umgekehrt auf&#8217;s Maul bekamen. Das hat auch ein bi\u00dfchen mit dieser Hauptstadt-Diskussion zu tun. Die Bonner hatten immer die Strategie gehabt, einen auf heile Welt zu machen, und in Berlin tobt der Mob &#8230;<br \/>\n<strong><br \/>\nRainer:<\/strong> Dabei war das eigentlich nicht zu \u00fcbersehen. Da gab es zum Beispiel diese Kellerkneipe. Die hie\u00df erst \u00bbSchl\u00fcssel\u00ab und sp\u00e4ter dann \u00bbNight-and-Day\u00ab hier mitten in der Innenstadt. Da hingen am Wochenende regelm\u00e4\u00dfig Nazis rum. Das ging dann so weit, da\u00df man mit roten Haaren an der Kneipe nicht mehr vorbeilaufen konnte, ohne \u00c4rger zu bekommen. Und da sind wir dann halt mit jugendlichen Antifas auch jedes Wochenende Patrouille gelaufen, ein halbes Jahr lang, und haben uns mit denen rumgekloppt. Also, das war richtig heftig, mit Stra\u00dfenschlachten um acht Uhr abends im Sommer, wo total viele B\u00fcrger auf der Stra\u00dfe waren. Das war eigentlich auch unser erster gr\u00f6\u00dferer Erfolg, weil die Wirte des Lokals wegen dieser andauernden Randale dann die Konzession entzogen bekamen.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Viel von unserem Gruppenzusammenhalt kam zun\u00e4chst von diesen gemeinsamen Patrouillen und den direkten Aktionen. Aber es gab auch schon so erste Ans\u00e4tze einer \u00d6ffentlichkeitsarbeit. Als Vorl\u00e4ufer von dem jetzigen Antifa-Info Rhein-Sieg haben wir bereits f\u00fcr das Berliner Jugendinfo einen Bonner Lokalteil gemacht, der dann kostenlos an den Schulen verteilt wurde. Die Antifa ist dann relativ rasch angewachsen, was nat\u00fcrlich auch zu einigen internen Widerspr\u00fcchen f\u00fchrte.<\/p>\n<p><em>Was f\u00fcr Widerspr\u00fcche meinst du?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Ja, dadurch, da\u00df auch mehr Leute kamen, gab es auch gr\u00f6\u00dfere Unterschiede und verschiedene Bed\u00fcrfnisse. Einige waren bereits politisiert, mit einem inhaltlichen Hintergrund und mehr Erfahrung, weil sie eben schon vorher was gemacht hatten. Aber es gab auch andere, f\u00fcr die erstmal die Aktion der Anreiz war mitzumachen und die auch zum Teil schulisch einen anderen Hintergrund hatten. Mit einem einzigen gemeinsamen Plenum war das nicht mehr zu fassen. Da f\u00fchlten sich auch die J\u00fcngeren oftmals einfach \u00fcberfordert und bevormundet. Als Ergebnis daraus entstanden mehrere Gruppen, oft auch nach lokalen Gesichtspunkten, in denen die unterschiedlichen Bed\u00fcrfnisse besser geregelt werden konnten. Da gab es eine Gruppe mit \u00c4lteren, die st\u00e4rker inhaltlich arbeiten wollte, und es gab eine Gruppe mit den J\u00fcngeren, Unerfahreneren, und aus einem gegenseitigen Bed\u00fcrfnis sind da zwei von den \u00c4lteren reingegangen, um konkrete Aufbauarbeit zu leisten und die bisher gemachte Erfahrung weiterzuvermitteln.<\/p>\n<p><em>Und das hat funktioniert?<\/em><\/p>\n<p><strong>Rainer:<\/strong> Ja, es gab ein gemeinsames Vertrauenverh\u00e4ltnis. Wichtig war, da\u00df auch total viel \u00fcber die private Schiene lief, da\u00df man auch sonst etwas zusammen gemacht hat und sich eben nicht nur auf den Treffen gesehen hat. Also, da\u00df es keine solche Trennung von privat und politisch gab. Ohne das Umfeld, das die Antifa-Jugendfront damals geboten hatte, w\u00e4ren die Leute auch wohl schnell wieder verschwunden.<\/p>\n<p><em>Und wie haben sich die Gruppen untereinander koordiniert?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Als Modell ist dann ein Delegiertentreffen entstanden. Alle zwei Wochen treffen sich die Vertreter der Gruppen, um Diskussionen und Aktionen zu koordinieren. In den letzten Jahren konnten so nach dem oben beschriebenen Muster laufend neue arbeitsf\u00e4hige Gruppen entstehen. Gerade im Zuge des Golfkrieges sind wieder viele neue dazugekommen &#8230; Dieses Gruppenmodell erm\u00f6glicht einfach, die verschiedenen Interessen st\u00e4rker zu ber\u00fccksichtigen. Es ist auch gelungen, erheblich \u00e4ltere Linke, die einmal Autonome waren und dann aus Mangel an Perspektiven ausgestiegen sind, f\u00fcr Antifa-Arbeit zu gewinnen. Also auch einige aus der autonomen Infoladenszene, die vorher in der Antifa keinen Sinn gesehen haben, aber im Zuge der immer st\u00e4rker werdenden Faschisierung auch konkreter was tun wollten.<\/p>\n<p><em>Was war denn die Kritik der anderen autonomen Linken an euch in den 80er Jahren, was machte denn den Unterschied zwischen Bonner Antifa und Bonner Autonomen genauer aus?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Wir hatten hier in Bonn konkret das Problem, da\u00df die Faschos sichtbar wurden und offenen Stra\u00dfenterror aus\u00fcbten und wir damit vor der Frage standen, was wir jetzt machen. Es hat sich dann schnell eine kleine Gruppe herausgebildet, die das mit militanten Aktionen anging. Es gab halt eine Diskrepanz zwischen dem eher praktischen, militanten Ansatz gegen\u00fcber den Faschos und dem eher theoretischen der alten autonomen Zusammenh\u00e4nge.<br \/>\nDie waren ja alle sehr autonom, hatten ihre Kleiderkonvention, ihren Sprachkodex &#8230; Du brauchtest ja nur ein paar Redewendungen draufzuhaben, dich auf eine bestimmte Art und Weise bei Treffen zu verhalten, und dann warst du Autonome\/r. Diese ganze Oberfl\u00e4chlichkeit &#8230; autonomer Standardlook 1986 hie\u00df: Bundeswehrhosen, Bundeswehrstiefel, Lederjacke und eine m\u00f6glichst ausgefallene Frisur zu haben. Dazu dann noch das \u00fcberkorrekte Szenegehabe: Alles sch\u00f6n gerade reden und sich sch\u00f6n ducken, dann kannst du auch nicht anecken &#8230; Und da gab es halt auch welche, die das nicht gemacht haben und zum Teil auch gar nicht konnten, weil sie auch anders sozialisiert waren, und die kamen dann in der autonomen Antifa zusammen. Aber der Knackpunkt war die Gewalt auf der Stra\u00dfe, das Sich-Einlassen auf die offene Auseinandersetzung mit den Faschos, mit allem, was an Vorbereitung dazugeh\u00f6rt, auch Kampfsport, das war der Knackpunkt.<\/p>\n<p><em>Also wurde euch von den \u00e4lteren Autonomen eine Militarisierung vorgeworfen?<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nManfred:<\/strong> Ja, Streetfightertum. Die Antifas waren nun mal die j\u00fcngeren und unerfahreneren in der Szene, und so wurde eine mangelnde ideologische Grundlage f\u00fcr die militanten Aktionen unterstellt. Konkret sah das dann so aus, da\u00df die JugendfrontlerInnen sich die Stadt alleine freipr\u00fcgeln mu\u00dften.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Die linke Szene wohnt ja gerne in der Altstadt. Die bewegen sich vielleicht 100 Meter am Tag zwischen Wohnung und Stammkneipe hin und her, und es stimmt schon, da begegnet man wahrscheinlich keinem Fascho. Aber was um die Ecke los ist, an den Schulen oder in anderen Stadtteilen &#8230;<\/p>\n<p><em>Nun sind die Autonomen in den 80er Jahren, von denen ihr euch abgrenzt, ja nicht gerade als die gro\u00dfen TheoretikerInnen verschrieen &#8230; ?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Naja, das war eben sehr stark aufgesetzt, hat aber gewirkt. Und um keine Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse aufkommen zu lassen: Diejenigen, die in Bonn die Antifa aufgemacht haben, kamen alle aus der autonomen Szene. Also, wir waren zum Teil an der Startbahn West oder in Wackersdorf aktiv dabei. Aber wir brauchten eine verbindlichere, weniger oberfl\u00e4chliche Struktur, gerade auch im Umgang untereinander, das war uns eben sehr wichtig, ob jetzt f\u00fcr Diskussionen oder Aktionen. Diese autonomen Plenen waren immer offen, so offen, da\u00df wir gar nicht bemerkt hatten, da\u00df da z.B. auch ein Bulle in der ersten Reihe mit dabei sa\u00df, der sich irgendwann durch seine Sachkenntnis selbst geoutet hat, und da fiel uns allen die Kinnlade runter. Der war eigentlich kein Spitzel, der machte halt beruflich was anderes als in seiner Freizeit, und da hat es uns erstmal gelangt, und wir haben die Gruppe dichtgemacht und uns klarere Kriterien \u00fcberlegt.<\/p>\n<p><em>Griffen die Nazis zu jener Zeit schon massiv MigrantInnen oder andere diskriminierte Bev\u00f6lkerungsgruppen wie Obdachlose an? So, wie ihr es bisher dargestellt habt, waren es vor allem Linke &#8230;<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Zu der Zeit gab es vor allem Angriffe auf Jugendliche aus der Punk- und Independent-Szene. Alle Leute, die sich schwarz kleideten, waren potentielle Opfer. Das Feindbild der Faschos konzentrierte sich auf Linke und Punks.<br \/>\n<strong><br \/>\nUli:<\/strong> Ja, und gerade an den Schulen gab es harte Auseinandersetzungen mit den Rechten, und das hat die autonome Szene gar nicht wahrgenommen.<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Weil sie eben auf die Autonomen in ihren Ghettos nicht rechnen konnten, sind die Jugendlichen zu uns gekommen und haben uns erz\u00e4hlt, wie \u00fcbel es an den Schulen abgeht. Das ist so ein Bereich gewesen, wo wir als autonome Antifa gesagt haben, wir organisieren jetzt eine Antifa-Jugendfront.<\/p>\n<p><em>Hat sich denn, um auf die Gegenwart zu kommen, das Verh\u00e4ltnis zwischen den \u00fcbriggebliebenen Autonomen und der Antifa mittlerweile normalisiert?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Also, das ist ziemlich drastisch. Eine autonome Szene gibt es in dem Sinne eigentlich hier gar nicht mehr. Die Antifa ist inzwischen die gr\u00f6\u00dfte linksradikale Gruppe in der Stadt, und nat\u00fcrlich gibt es noch andere kleine Gruppen, die gute Arbeit machen, aber etwas Fa\u00dfbares, so eine autonome Szene-Struktur mit \u00f6ffentlichen Orten wie Infol\u00e4den und Volxk\u00fcche, gibt es einfach nicht mehr. Und so bitter das ist, da\u00df wir uns die Anerkennung m\u00fchsam erarbeiten mu\u00dften, so klopfen die \u00dcbriggebliebenen inzwischen auch mal an unsere T\u00fcr. Das h\u00e4ngt aber auch mit unserem ver\u00e4nderten Organisationsansatz zusammen, da\u00df wir langsam und schrittweise eine sichtbare Organisation wurden, die in der Lage ist, \u00f6ffentlich so zu agieren, da\u00df niemand mehr dran vorbeikommt.<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Es gibt so einen nie eingel\u00f6sten, aber in den 80er Jahren oft ausgesprochenen Anspruch der Autonomen: global denken, lokal handeln. Das wurde nie verwirklicht, und das versuchen wir jetzt zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p><em>Aber gab es nicht anfangs ein Mi\u00dftrauen, auch aus anderen St\u00e4dten, gegen\u00fcber dem, wie ihr linke Organisierung betreibt, was ihr Aufbauarbeit nennt, da\u00df dies wieder zu autorit\u00e4ren Anleitungen f\u00fchrt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Anne:<\/strong> Also, vielleicht sollte ich mal dazu was sagen. Ich bin in einer Gruppe, die nun so seit einem dreiviertel Jahr existiert. Wir waren alles Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, und dazu kamen eben zwei von den erfahreneren Antifas. Da haben wir uns erstmal mit so allgemeinen Fragen auseinandergesetzt wie Militanz und staatliche Repression. Wir haben Filme angeschaut und dar\u00fcber diskutiert, was f\u00fcr uns sinnvoll ist, was wir selbst\u00e4ndig gegen Faschos machen k\u00f6nnen. Und im Moment macht unsere Gruppe bei einer Kampagne gegen Kioske mit, die faschistische Zeitungen verkaufen. Mittlerweile ist es so, da\u00df die Gruppe auch ohne die \u00c4lteren funktionieren w\u00fcrde. Das sieht man schon, wenn die mal fehlen. Und warum sollen schon gemachte Erfahrungen nicht weitergegeben werden, warum sollen alle, die wie wir neu anfangen, die alten Fehler wiederholen?<\/p>\n<p><strong> Manfred:<\/strong> Ich glaube, es war ein prinzipieller Fehler der autonomen Szene, Selbstorganisierung damit zu verwechseln, da\u00df sich alle vom Nullpunkt aus alles selbst erarbeiten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Im Grunde hat sich die autonome Szene teilweise einfach selbst belogen. Es gibt einfach immer schon Hierarchien, dadurch, da\u00df ein paar erfahrener sind, dadurch, da\u00df es Leute gibt, die mehr wissen, und das mu\u00dft du erstmal \u00fcberhaupt feststellen, bevor du so was abbauen kannst. Es bringt nichts, einfach zu sagen: Weil wir alle ohne Hierarchien leben wollen, sind wir schon gleich. Damit l\u00fcgt man sich nur in die eigene Tasche. Im Endeffekt hat die autonome Szene dadurch nur diejenigen ausgeschlossen, die eben nicht auf ihrem Niveau reden konnten, die nicht einem gewissen \u00c4u\u00dferen entsprachen &#8230;<\/p>\n<p><em>Und wie vermittelt ihr denn zum Beispiel die gemachten Erfahrungen, wie sieht das aus etwa in bezug auf militantes Vorgehen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Gerade anf\u00e4nglich, als es klar war, da\u00df es eine gr\u00f6\u00dfere H\u00e4ufigkeit an direkten Auseinandersetzungen geben wird, haben wir in den Gruppen besonders darauf geachtet, verbindlich zu kl\u00e4ren, wie weit wir hier gehen. Im Klartext: Da\u00df wir es hier in Bonn nicht verantworten k\u00f6nnen und es auch ideologisch f\u00fcr falsch halten, Faschisten so zu verpr\u00fcgeln, da\u00df sie danach nicht mehr aufstehen k\u00f6nnen. Wir gehen eben davon aus, da\u00df du eine Gesinnung \u00e4ndern kannst, aber eine k\u00f6rperliche Behinderung vielleicht nie mehr. Und ein verantwortlicher Umgang mit Gewalt sollte uns auch immer von den Rechten unterscheiden. Wie ihr euch vorstellen k\u00f6nnt, ist das bei militanten Auseinandersetzungen in der Praxis oft sehr schwer einzuhalten. Um gr\u00f6\u00dfere Sch\u00e4den zu vermeiden, gibt es so ein paar Kriterien, zum Beispiel kein Holz, wenn, dann Gummikn\u00fcppel usw. &#8230; Manchmal l\u00e4uft das auch auf einem recht niedrigen Niveau, aber dadurch, da\u00df dar\u00fcber Gespr\u00e4che stattfinden, wird dem im nachhinein wenigstens beigekommen. Dazu geh\u00f6rt auch eine gute k\u00f6rperliche Ausbildung. Wir haben unseren eigenen Trainingsraum, und bei uns sind genug erfahrene Leute, die ihr Wissen und den richtigen Einsatz von verschiedenen Techniken auch an Neue weitergeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Es bleibt aber eine Gratwanderung, die auch nicht immer gelingt. Aber es wird sich auch viel M\u00fche gegeben, die unterschiedlichen M\u00f6glichkeiten und Bed\u00fcrfnisse zu ber\u00fccksichtigen. Gerade wenn Leute k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen bislang nicht so gewohnt sind und selber zum ersten Mal an etwas teilnehmen wollen, wo es m\u00f6glich ist, da\u00df was passiert.<br \/>\nMittlerweile gibt es aber ein ganz anderes Problem. So viele Auseinandersetzungen mit den Faschos auf der Stra\u00dfe gibt es gar nicht mehr. Die laufen jetzt lieber so rum, da\u00df man sie nicht gleich erkennt, und ein Teil der Bonner FAP-Szene arbeitet inzwischen auf einem viel h\u00f6heren Niveau, bundesweit und mit guten Auslandskontakten. Die machen immer noch Sachen wie in anderen St\u00e4dten auch, blo\u00df laufen die halt nicht mehr so rum &#8230;<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Es gibt ein ausgesprochenes Innenstadtverbot von der Antifa an die Faschos, an das sie sich die n\u00e4chsten 2000 Jahre zu halten haben. Und dadran halten die sich auch, das ist ja eine Frage des Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisses, und das ist eindeutig. Die k\u00f6nnen hier nicht mit kleineren Gruppen durch die Stadt ziehen und sich eine Kneipe nehmen. Was sie aber immer noch k\u00f6nnen, ist hier eine Demonstration anmelden. Bei ihrem letzten Versuch am 8.2.1993 waren sie mit 120 Hanseln aufmarschiert, und die Antifa hat die Demonstration verhindert. Und im Rahmen der Verhinderung ist hier in Bonn auch zum ersten Mal die Polizei angegriffen worden.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Unsere \u00d6ffentlichkeitsarbeit ist ja mittlerweile viel besser, die militante Demo hat den Bullen ziemlich Druck gemacht, und die Auseinandersetzungen sind in der Stadt viel sichtbarer geworden. So sind die Bullen nun halt gezwungen, Naziaufm\u00e4rsche im vornherein zu verbieten. Gegen die Rechten machen die \u00fcberhaupt nur was, wenn sich die Geschichten nicht mehr totschweigen lassen.<\/p>\n<p><em>Spielen Ereignisse, wie sie in Rostock passiert sind, eine Rolle, wenn es hier erstmals auch zu gr\u00f6\u00dferen Auseinandersetzungen mit der Polizei kam?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Die Stimmung hat sich, gerade f\u00fcr viele Jugendliche, nach Rostock ganz klar ge\u00e4ndert. Eine auf den Demos ganz oft gegen die Bullen gerichtete Parole ist ja dieses \u00bbWo wart ihr in Rostock?\u00ab. Denen nimmt niemand mehr was ab, und es wird eher von einer stillschweigenden Koalition ausgegangen, die dann an solchen Punkten wie der Demonstration, also wenn die Polizei Faschisten sch\u00fctzt, sichtbar wird.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Nach Rostock gab es auch zum ersten Mal nach langer Zeit wieder eine Scherbendemo, die auch konkret gegen Einrichtungen wie das Landgericht gerichtet war, wo Prozesse gegen Antifas stattfinden, w\u00e4hrend so Schweinereien wie in Rostock passieren. F\u00fcr uns war es auch selbstverst\u00e4ndlich am Tag X, bei der Abschaffung des Asylrechts, an der Blockade des Bundestages teilzunehmen.<\/p>\n<p><em>Sichtbar als Antifa-Gruppe oder einfach als linke DemonstrantInnen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Letzteres.<\/p>\n<p><em>Warum nicht erkennbar als Antifa?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Regierungsviertel und Bannmeile sind eine \u00bbno-go-area\u00ab. Das ist Bullenzone, und wer da hinf\u00e4hrt und etwas bekannter ist, kriegt schnell was ab oder hat ein Verfahren am Hals. Da sind wir etwas zur\u00fcckhaltender geworden.<\/p>\n<p><em>Seid ihr denn allgemein einem st\u00e4rkeren Repressionsdruck ausgesetzt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Die Beh\u00f6rden leiten mit gro\u00dfer Regelm\u00e4\u00dfigkeit Verfahren gegen Linke aus der Antifa und der autonomen Szene ein. Wegen den Demos gegen den Golfkrieg gab&#8217;s eine ganze Latte von Prozessen. Zur Zeit stehen Prozesse wegen Aktionen gegen die Reps in Bad Godesberg an, immer kleinere und gr\u00f6\u00dfere Sachen, Landfriedensbruch, K\u00f6rperverletzung und so weiter. Bonn ist halt eine kleine Stadt mit gro\u00dfer Bullendichte, da wirst du schon schnell mal erwischt, beim Spr\u00fchen oder sonst irgendwas.<\/p>\n<p><em>Um nochmal auf den vorigen Kontext zur\u00fcckzukommen: Ihr geh\u00f6rt doch zu den Antifa-Gruppen, die in letzter Zeit auch verst\u00e4rkt antirassistische Arbeit machen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Ja, nach Rostock hat sich in Bonn ein antirassistisches B\u00fcndnis mit verschiedenen linken Gruppen, Linksradikalen, linken Hochschulgruppen gebildet, an dem die Antifa beteiligt war. Dar\u00fcber ist die \u00fcbliche antirassistische Arbeit gelaufen, also Fl\u00fcchtlingsheime besch\u00fctzen, Aktionstage in der Innenstadt usw. Wir stehen dieser Form von \u00bbFeuerwehr\u00ab-Politik aber kritisch gegen\u00fcber und haben versucht, etwas Weitergehendes zu entwickeln. Wir versuchen jetzt gerade, ein antirassistisches Infotelefon mit aufzubauen.<\/p>\n<p><em>Inwiefern beinhaltet ein solches Infotelefon mehr als das, was ihr ohnehin schon macht?<\/em><\/p>\n<p><strong>Anne:<\/strong> Es soll offener sein, damit es auch Leute benutzen, die sich nicht so organisiert haben wie wir. Damit alle leichter an wichtige Informationen herankommen, auch wir.<\/p>\n<p><em>Was f\u00fcr Informationen sollen das denn sein?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Das geht vom Nachbarn, der sonntags ein braunes Hemd anzieht und Marschmusik h\u00f6rt, \u00fcber Beamte in den \u00c4mtern, die Ausl\u00e4nderInnen schlecht behandeln, hin zu rassistischen Lehrern und Professoren; alles, was wichtig ist und den Alltag vieler beeinflu\u00dft, damit man das auch mal namhaft machen und thematisieren kann.<\/p>\n<p><em>Arbeitet ihr denn direkt mit Fl\u00fcchtlingsgruppen oder organisierten MigrantInnen zusammen, sind in euren Gruppen auch Menschen ohne deutschen Pa\u00df &#8230; ?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Ja. Und zu den Fl\u00fcchtlingsheimen haben einige aus der Antifa kontinuierlich gearbeitet. Manchmal ging es dabei auch um ganz praktische Sachen. Z.B., die Stadt hatte sich geweigert, die Fl\u00fcchtlingsheime mit ausreichend Feuerl\u00f6schern zu versorgen. Die wurden dann nachts besorgt. Oder da\u00df \u00fcberall ein Telefon ist. Es wurde geschaut, da\u00df es konkrete Ansprechpartner in den Unterk\u00fcnften gibt, und gemeinsam f\u00fcr einfache Schutzm\u00f6glichkeiten gesorgt. Falls es zu Angriffen kommen sollte, gibt es Telefonketten, um f\u00fcr eine Verteidigung mobilisieren zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEs gibt auch eine Sondernummer des Antifa-Jugendinfos zu Rassismus und Fl\u00fcchtlingspolitik in der BRD.<\/p>\n<p><em>Haben sich nach 1989 und dem Anschlu\u00df der DDR eure politischen Positionen ver\u00e4ndert, gab es bei euch eine Diskussion \u00fcber die alte DDR, oder ist das f\u00fcr euch ganz weit weg?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Das ist schwierig. Also, geographisch sind wir hier erstmal n\u00e4her an Br\u00fcssel als an Dresden dran, aber es spielt nat\u00fcrlich schon eine gro\u00dfe Rolle, weil die ganzen Entwicklungen, die das ausgel\u00f6st hat, ja auch nicht vor dir haltmachen.<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Es ist ja nicht so, da\u00df nur die Mauer und die DDR weg ist, der ganze Ostblock und die Sowjetunion als politischer Gegenpol zum Westen sind verschwunden. Das geht nicht an uns vorbei, das hat Konsequenzen, ob es nun um Bosnien oder Somalia geht, und da kommen wir als Linke nicht drum &#8218;rum, eine Position zu finden &#8230;<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Also, praktisch hei\u00dft das f\u00fcr uns auch, da\u00df wir in den Osten gefahren sind, um da antifaschistische Aktionen zu unterst\u00fctzen oder um sich einfach zu informieren. Es gibt auch Kontakte zu Antifa-Gruppen in der alten DDR.<\/p>\n<p><em>Haben sich eure politischen Vorstellungen mit dem Ende der DDR ver\u00e4ndert, oder ist f\u00fcr euch alles relativ gleich geblieben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Es hat sich viel ver\u00e4ndert, allerdings sind auch viele und sehr existentielle Sachen gleich geblieben. Es gab vorher auf der Welt Armut, Hunger, Ausbeutung, Unterdr\u00fcckung, Kriege, Faschismus usw. Das alles gibt es auch heute noch, und das ist das Entscheidende. Deshalb k\u00f6nnen wir auch die weinerlichen Linken, die in Hunderten von Reden und Schriften bejammern, da\u00df seit 1989 alles ganz anders ist, nicht verstehen. Die Ausgangslage ist heute eine andere, unsere politischen Vorstellungen haben sich dadurch nicht ge\u00e4ndert. Wie die DDR als Staat zu beurteilen ist, da gab es bei uns vor ihrem Ende unterschiedliche Positionen, und die sind heute immer noch unterschiedlich. Es gibt aber niemanden, der die DDR als anstrebenswertes Gesellschaftssystem gesehen hat.<br \/>\nAber da\u00df die BRD die DDR einfach mit \u00fcbernommen hat und jetzt auch weltpolitisch eine ganz andere Rolle spielt &#8230; Wieder Soldaten und die dazugeh\u00f6rigen Kriegsberichterstatter in alle Welt schickt &#8230;<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Oder als erstes Kroatien anzuerkennen &#8230;<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Und nat\u00fcrlich kommt auch der Aspekt dazu, da\u00df jetzt die Verelendung in der DDR bewu\u00dft in Kauf genommen wird und der Rassismus der Bev\u00f6lkerung von der westdeutschen Regierung auch dazu benutzt wurde, wie man in Rostock sah, um das Asylrecht abzuschaffen. Aber es gibt eigentlich niemand, der die DDR toll findet und meint, da\u00df alles wieder wie fr\u00fcher werden soll.<\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Naja, es gibt schon welche, f\u00fcr die die DDR kein verteidigenswerter Staat war, die aber jetzt anfangen, diesem System hinterherzuheulen, von wegen der Kinderhorte und den anderen sch\u00f6nen sozialen Errungenschaften. Es ist doch totaler Quatsch, die Legitimation eines Staates am Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein von Kinderhortpl\u00e4tzen festzumachen.<\/p>\n<p><em>Nun gibt es ja Antifa-Gruppen wie die Antifa (M), denen eine gewisse N\u00e4he zu orthodox kommunistischen Vorstellungen nachgesagt wird. Mit denen arbeitet ihr zusammen. Tun sich da keine ideologischen Schwierigkeiten auf?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Also, erstens erkennen wir bei der \u00bbM\u00ab keine orthodox kommunistischen Vorstellungen. Zweitens verstehen wir nicht, wie man auf so was kommen kann, wenn man ihre Ver\u00f6ffentlichungen liest. Und drittens gibt es an einzelnen Punkten schon unterschiedliche Analysen und Vorstellungen, aber die sind Gegenstand gemeinsamer Diskussionen mit der \u00bbM\u00ab und in der AA\/BO und nicht eines solchen Interviews.<\/p>\n<p><em>Ihr beteiligt euch also an dem, was sich AA\/BO (Antifaschistische Aktion\/Bundesweite Organisierung) nennt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Ja. Allerdings beteiligen wir uns nicht nur an der AA\/BO, wir sind Teil der AA\/BO. Wir haben zwar bei uns keinen einheitlichen ideologischen Ansatz, also, nicht weil wir jetzt darin den kommunistischen, anarchistischen, sonstwas-istischen Ansatz sehen, sondern weil die AA\/BO die konsequente Weiterentwicklung unserer Politik ist. Also, sich erst lokal, dann regional und dann bundesweit zu organisieren, betreiben wir aus praktischen Erw\u00e4gungen heraus.<\/p>\n<p><em>Und was ist mit dem \u00bbAntifaschismus auf antiimperialistischer Grundlage\u00ab, wie das die \u00bbM\u00ab zu formulieren pflegt? Schlie\u00dflich ist sie ja keine unwesentliche Kraft in der AA\/BO, und eine ganze Reihe von Antifa-Gruppen haben ja auch schon abgewunken &#8230;?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Naja, wir finden nicht, da\u00df die \u00bbM\u00ab \u00bbzu formulieren pflegt\u00ab, sie beschreibt lediglich einen Aspekt ihrer Herangehensweise. Das Wegbleiben einiger Antifa-Gruppen mit dem \u00bbAntiimperialismus\u00ab der \u00bbM\u00ab oder anderer AA\/BO-Gruppen zu begr\u00fcnden, w\u00e4re recht ein\u00e4ugig. Erstmal bleiben Gruppen weg, weil sie eine panische Angst haben, sich \u00fcberhaupt zu organisieren. Es gibt auch die Bef\u00fcrchtung, da\u00df die Gruppen, die die BO machen, unter dem Deckmantel des Antifaschismus jene antiimperialistische Politik weiterbetreiben, die die Antiimps schon fr\u00fcher einmal in den Sand gesetzt haben. Wer allerdings die Politik der AA\/BO verfolgt, wird sehen, da\u00df diese Bef\u00fcrchtungen keine Grundlage haben. Wer das heute der AA\/BO weiterhin vorwirft, f\u00fchrt anderes im Schilde. In der BO sind viele verschiedene Gruppen, viele j\u00fcngere, die an diese ideologischen Auseinandersetzungen viel pragmatischer rangehen k\u00f6nnen. Die wissen, warum eine bundesweite Organisierung notwendig ist, und die wissen vor allem auch, wie man verhindert, da\u00df irgendeine Gruppe ideologisch alles in eine Richtung lenkt.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Diese ganzen Auseinandersetzungen um Antiimperialismus oder sonstwie revolution\u00e4re Organisation sind doch blo\u00df so Scheingefechte, anstatt da\u00df wirklich geguckt wird, was denn da dahinter steckt und wer sich da alles beteiligt. Einfach auf die \u00bbM\u00ab als eine der Gruppen zu schielen, ist nat\u00fcrlich viel bequemer.<br \/>\nIch denke, es geht darum, eine bundesweit sichtbare Organisation aufzubauen. Es ist nun mal Realit\u00e4t, da\u00df Antifa-Gruppen nur in etwas gr\u00f6\u00dferen St\u00e4dten aktiv sind und hier auch mehr M\u00f6glichkeiten haben als in anderen Regionen, wo oftmals nur ganz wenige, manchmal nur Einzelpersonen, was machen. \u00dcber einen besseren Austausch k\u00f6nnen wir uns st\u00e4rker unterst\u00fctzen, so da\u00df z.B. f\u00fcr alle Druckm\u00f6glichkeiten vorhanden sind oder auch Leute, die nicht auf jedes Treffen fahren, \u00fcber Mailboxen schnell an wichtige Information rankommen k\u00f6nnen und nicht aus der Struktur rausfallen.<br \/>\nInhaltlich wollen wir weg davon, da\u00df diese Auseinandersetzungen um \u00bbAntiimperialismus\u00ab, \u00bbKommunismus\u00ab oder \u00bbAnarchismus\u00ab weiterhin so schlagwortartig gef\u00fchrt werden. Wir unterstellen einigen, die mit diesen Begriffen herumwerfen, gar nicht so genau \u00fcber deren Inhalt Bescheid zu wissen. In der BO wollen wir lieber an konkreten Beispielen unsere Position kl\u00e4ren. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen und werden wir uns nicht auf Dauer auf eine rein antifaschistische Arbeit beschr\u00e4nken. Wie und in welchen Schritten dies geschieht, wird sowohl hier in Bonn als auch in der BO aktuell diskutiert. Wir werden uns \u00fcber die gesamten gesellschaftlichen Auseinandersetzungen Gedanken machen und auch an Gegenentw\u00fcrfen zum bestehenden kapitalistischen System arbeiten, aber an eine inhaltliche Erweiterung werden wir uns langsam, und von unserer bisherigen Praxis ausgehend, herantasten.<\/p>\n<p><em>Haben wir jetzt noch etwas vergessen, was ihr noch unbedingt loswerden wollt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Ja, ich m\u00f6chte nochmal auf die Frage zur DDR zur\u00fcckkommen. Da m\u00fcssen wir wohl alle Selbstkritik leisten, denn vor 1989 war die DDR schon recht weit von uns weg. Das hat uns aber nicht daran gehindert, sie zu beurteilen. Die einen von uns haben die DDR (den Nebel der Westpropaganda im Hirn, Minenfelder an jeder Kreuzung usw.) f\u00fcr ein illegitimes Unrechtssystem gehalten, f\u00fcr die anderen war sie bei aller Kritik ein, im positiven Sinne, sozialistisches Land. Grundlagen f\u00fcr die eine oder andere Bewertung gab es wenige, denn beide Positionen kamen durch indirekte und ideologisch gef\u00e4rbte Informationen zustande, die nicht kritisch hinterfragt wurden. Wegen dieser Ignoranz konnten wir nat\u00fcrlich auch nie erfahren, da\u00df es in der DDR eine Opposition gab, Menschen wie Silvio Meier (den Nazis umbrachten), und eine Geschichte, mit der uns als AntifaschistInnen vieles verbindet.<\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Ich w\u00fcrde gerne nochmal was zur \u00d6ffentlichkeitsarbeit sagen, weil die f\u00fcr uns eine sehr wichtige Rolle spielt. Das eine ist zum Umgang mit den b\u00fcrgerlichen Medien und das andere zu den Antifa-Jugendinfos.<br \/>\nIm Gegensatz zu autonomen Fanzines setzen wir auf ein ansprechendes Layout, eine Vielf\u00e4ltigkeit von Texten, die inhaltlich noch nicht total ausgearbeitet sein m\u00fcssen, daf\u00fcr aber allein, wie sie geschrieben sind, schon interessant sind. Wichtig ist uns ein einfacher Zugang zu den Texten, also, es mu\u00df nicht immer m\u00f6glichst kompliziert und mit vielen Frendw\u00f6rtern sein.<\/p>\n<p><em>Und eure relativ professionell gemachten Zeitschriften werden von den Jugendlichen auch gelesen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Manfred:<\/strong> Ja. Wir kriegen viel Resonanz, und ohne jetzt angeben zu wollen, beim Verteilen werden die uns aus den H\u00e4nden gerissen.<\/p>\n<p><em>Ihr verteilt die umsonst?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Ja, in einer Auflage hier von glaub&#8216; ich so 3500 St\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Anne:<\/strong> Also, bei uns auf der Schule werden wir zumindest immer alle los. Und das siehst du schon, wenn&#8217;s nicht gelesen w\u00fcrde, w\u00e4ren die M\u00fclleimer voll.<\/p>\n<p><em>Wie gro\u00df ist denn deine Schule?<\/em><\/p>\n<p><strong>Anne:<\/strong> Die hat rund 1200 Sch\u00fcler.<\/p>\n<p><em>Und wie viele Jugendinfos verteilt ihr da?<\/em><\/p>\n<p><strong>Anne:<\/strong> 200. Mehr geht nicht, sonst kommen die anderen Schulen zu kurz.<\/p>\n<p><em>Und der andere Aspekt, der Umgang mit den b\u00fcrgerlichen Medien?<\/em><\/p>\n<p><strong>Uli:<\/strong> Wir hatten es satt, in den Zeitungen immer von der guten Mitte, der Polizei und von diesen Gleichsetzungen von rechten und linken Extremisten zu lesen. Und da haben wir halt begonnen, Presseerkl\u00e4rungen zu Aktionen der Antifa, zu Prozessen und Demos zu schreiben. Inzwischen versorgen wir die Medien vor Ort regelm\u00e4\u00dfig mit unseren Publikationen, und es hat sich gezeigt, da\u00df zu einzelnen Journalisten sich sehr wohl ein Vertrauensverh\u00e4ltnis entwickeln l\u00e4\u00dft. Es gibt ja immer welche, denen es auch zu wenig ist, den Polizeibericht, angereichert mit der Stimme einer Anwohnerin, als einzige Meldung zu bringen. Also, du l\u00e4\u00dft das mit dem \u00bbimperialistischen Schweinesystem\u00ab mal weg und lieferst journalistisch verwertbare Hintergrundinformation. Dann gibt es zumindest auf der unteren Ebene der Presse JournalistInnen, die damit was anfangen k\u00f6nnen.<br \/>\nEtwas anderes ist es mit dem Fernsehen und bundesweiten Zeitschriften. Da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht, die sind doch meistens nur an den Jungs und M\u00e4dels mit der Sturmhaube interessiert, die am besten noch vor der Kamera die Keule schwingen. Da mu\u00df man eher vorsichtig sein. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Folgenden dokumentieren wir ein Interview mit der Antifa Bonn\/Rhein-Sieg aus den 1990-iger Jahren. Wir haben es entnommen aus folgendem Buch: Antifa. Diskussionen und Tips aus der antifaschistischen Praxis, hrsg. v. &#8222;Projektgruppe Antifa&#8220; in Kooperation mit der Stiftung Umverteilen, Berlin, Berlin &#8211; Amsterdam 1994. 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